Tai’an in der Shandong Provinz ist anders als erwartet. Es liegt nochmal 600km weiter nördlich und der Frühling scheint hier noch auf sich warten zu lassen. Das schöne Wetter verflüchtigt sich in Nebel, die nächsten Tage gibt es dann feinstes Aprilwetter mit Temperatursturz und heftigen Regenfällen.Die Stadt selbst hatte ich mir anders vorgestellt und leider muss ich sagen: besser. Sie ist anders als die meisten Startpunkte für Berge. Das hier ist eine größere Stadt mit über 1.000.000 Einwohnern. Gleichzeitig herrscht eine merkwürdige Diskrepanz: Taishan soll einer der meistbesuchten Berge in China sein, der Stadt merkt man das nicht an. Sie wirkt provinziell. Festmachen lässt sich das an Geschäften, die eher für den alltäglichen Bedarf Angebot haben. Hier dagegn verirrt sich kaum eine ausländische Marke hin, einzig 2 einsame Filialen je von McDonalds und KFC sind zu finden. Es kann gut sein, dass die Saison noch nicht angefangen hat. Oder die Stadt wirklich ökonomisch abgehängt ist, denn die meisten Restaurants sind verrammelt und zu. Und auch viele Ladenflächen in der Innenstadt, während am Stadtrand weitere Hochhäuser entstehen. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke: vielleicht nimmt man bei China auch immer automatisch „too big to fail“ an. Ich möchte lieber nicht wissen was passiert, wenn der Aufschwung hier ins Stocken gerät und die ganzen neuen Bauten auf einmal leerstehen.

Kulinarisch erlebe ich hier den Tiefpunkt meiner Reise, egal ob Baozi oder Mian. Ich finde zum Glück in einem Tiefgeschoss in Flussnähe einen Supermarkt, der eine riesige Fressecke mit warmen Mahlzeiten hat. Ansonsten ist Tai’an mehr als unspektakulär und farblos (bis auf den Dai Tempel) – es gibt hier wirklich nichts zu tun, zu sehen oder zu entdecken. Njet. Nada.

Die Stadt hat zur Verwirrung der Reisenden zwei Bahnhöfe. Tai’an ist der neue Bahnhof weit außerhalb, an dem die meisten D-Züge halten. Mit holprigem Englisch kann mir eine Frau am Bahnhof sagen, dass Bus K37 in die Stadt durch die Dongyue Road am Bahnhof umd Busbahnhof vorbei fährt. Der innerstädtische Bahnhof hat noch an einem Turm die Ausfschrift Tai’an (Zhan), das stimmt aber nicht, der Name des Bahnhofs lautet Taishan.

Es gießt 2 Tage lang wie aus Kübeln und wie vom Wetterdienst vorhergesagt. Ich habe keine Ahnung wie Leute aus dem Lonely Planet Thorn Tree Forum ihre super-durchoptimierten Reisepläne durchziehen wollen, wenn man das Wetter mit einrechnet. Also Spaß hätte man auf Taishan bei Regen nicht, zumal das letzte Treppenstück extrem steil ist. Auch scheinen alle chinesischen Mitreisenden im Hostel andere Zeitpläne als ich zu haben, da diese teils zu den obskursten Zeiten aufbrachen. Ich vermute Aufstieg bei Nacht, denn es werden auch Taschenlampen auf dem Weg verkauft. Und diese Formel „den Sonnenaufgang sehen“ ist das große Thema im hiesigen Tourismusmarketing. Ohne mich. Ich laufe am Hostel um 7 Uhr los, bin um 8.30 Uhr am Eingang Hong Men Gate und um 10 Uhr am South Gate Of Heaven, dem Eingangstor des Gipfels. Das hatte ich mir länger vorgestellt, der Aufstieg war zwar steil und anstrengend, aber kurz. Es waren verhältnismässige Touristen zu Fuß unterwegs, vermutlich auch weil ein Mythos um den Berg kursiert: wer es aus eigener Kraft zum Gipfel schafft, wird steinalt. Schon Konfuzius ist hier hochgepilgert. Er lebte aber auch um die Ecke in Shandong im nah gelegenen Qufu.

Die Reisegruppen haben sich derweil mit dem Bus zum Halfway Point fahren lassen und nahmen von dort aus die Seilbahn zum Gipfel. Oben dann der übliche Rummelplatz mit einer Art Fußgängerzone mit Verkaufsbuden. Das übliche Räucherwerk wird in rauhen Mengen abgefackelt und um Segen wird gebeten. Die Sonne hier oben ist an dem Tag traumhaft, obwohl es ganz schön frisch ist. Majestätisch ziehen Nebelschwaden an Felsen vorbei. Ich bin nur 5 Minuten weg vom letzten Aussichtspunkt und hier ist keine Menschenseele mehr. Ich sitze in Stille vor einigen Felsformationen an einem rostigen Tor, wo früher ein Weg verlief. Gegen 12 Uhr mache ich mich zum Abstieg bereit und um 14:15 Uhr bin ich wieder an der Endhaltestelle der Busse in der Hong Men Lu. Kurz, aber anstrengend und obwohl ich inzwischen berggeübt bin spüre ich meine Waden noch 2 Tage später. Dafür war es aber nicht übervoll auf dem Berg, da der Qing Ming Feiertag bevorstand. Und an Feiertagen sollte man jegliche Attraktionen in China wirklich meiden. Das Hostel hatte die Preise schon mal prophylaktisch verdoppelt.

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