Ich liege zu Hause bequem auf dem Sofa. In meinen Händen halte ich ein iPad. Und träume von Thailand. Während ich endlos durch Fotos von Koh Lanta scrolle. Ich muss das Haus nicht verlassen, um Thailand zu sehen. Geschweige denn dorthin fliegen. Ich kann mir Thailand von meinem Wohnzimmer aus ansehen.

Und ich frage mich: muss ich wirklich reisen, um etwas über Thailand zu erfahren? Ich kann aus einer Vielzahl von Blogartikeln, Forenbeiträgen, Zeitschriften, Büchern, Vlogs und TV-Dokumentationen wählen. Die Anzahl an verfügbaren Formaten ist riesig.

Warum also noch reisen?

Reisen erscheint fast überflüssig, bei der Menge an Bildern, die mir zur Verfügung stehen.

Fotos sind der wahrscheinlich typische Ausdruck unserer heutigen Reiseerfahrung. Der Forscher und Universalgelehrte Alexander von Humboldt fertigte noch Skizzen per Hand an, als er 1799 bis 1804 Südamerika bereiste.

Heute halten wir alle bereisten Orte per Fotos fest. Und Fotos sind der typische Ausdruck für das, was laut Sozialwissenschaftlern Tourismus ausmacht: den „touristischen Blick“. Den Ort mit Blicken erschließen. Tourismus besteht zu einem guten Teil aus betrachten.

Und die Menge an Bildern wächst. Der polnische Journalist und Autor Ryszard Kapuściński hat das wie folgt beschrieben:

“Wir brauchen keine Expeditionen mehr zu organisieren, müssen uns nicht mehr anstrengen, nichts riskieren. Die Welt kommt zu uns: Ihre Bilder schwimmen an unseren Augen vorbei, wenn wir zu Hause vor dem Fernseher sitzen.“

Ryszard Kapuściński hat diese Sätze 1995 geschrieben. Der Bezug auf das Fernsehen wirkt aus heutiger Sicht fast niedlich. Die absolute Menge an Bildern ist inzwischen drastisch gewachsen. 2003 wurden erstmals mehr digitale als analoge Kameras verkauft. Und jedes Handy kann heute digitale Fotos aufnehmen. Das sorgt für eine exponentielle Zunahme an Bildmaterial und eine viel höhere Verbreitung durch Social Media.

Dadurch nimmt die Verfügbarkeit von Informationen zu. Fast jeder der einen Ort bereist hat, berichtet auch darüber. Und sei es nur im privaten Umfeld. Und wenn es nur Urlaubsfotos als Email-Anhang sind. Und inzwischen sind die Berichte nicht mehr nur auf Fotos und Videos beschränkt. Es gibt bereits 360-Grad Bilder für die Virtual Reality-Brille. Die Technik entwickelt sich weiter und mit ihr das Wissen von Orten, das immer detailreicher wird.

Vor Ort zu sein ist nicht durch Fotos ersetzbar

Aber ich frage mich trotzdem – reicht mir das? Ein Bild zu sehen ist nicht die Erfahrung, wirklich dort gewesen zu sein. Das Bild vom Ort ersetzt nicht den Wunsch diesen körperlich zu erfahren.

Ich kann mir entweder ein Foto von Thailand ansehen oder auf Koh Lanta am Strand sitzen und eine Kokosnuss mit dem Strohhalm ausschlürfen.

Das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen um den Ort zu erfahren. Die Fotos, die ich mir im Vorfeld der Reise ansehe, prägen meine Erwartungen. Oder wenn ich noch ein Stück weiter vorne ansetze: Ich suche mir bestimmte Orte als Reiseziele aus und andere nicht. Ich selbst könnte auf Anhieb nicht genau sagen, warum ich mich für Thailand interessiere, aber nicht für Bangladesh als Reiseziel.

Wenn ich nachforsche, dann gibt es dafür Gründe: ich habe idealisierte Vorstellungen von dem Ort. Mit den Inseln in Thailand verbinde ich Sonne, Strand und Entspannung. Wenn ich ein altes, englisches Dorf sehe, dann denke ich an das historische England. Ein küssendes Paar in Paris ist ein Symbol für einen romantischen Moment in Paris.

Ich gehe nicht ergebnisoffen an den Ort, sondern mit der Erwartung ein bestimmtes Idealbild vorzufinden.

Alle Reisenden wissen, dass dieses Idealbild seine Tücken hat. Susi vom Reiseblog Black Dots White Spots hat eine schöne Geschichte darüber geschrieben, wie sie den malerischen Sonnenaufgang von Bagan in Myanmar suchte und nicht fand. Stattdessen endete der Weg an einem Dornengebüsch, sie wurde von Straßenhunden verjagt und die Mitfahrerin hatte einen platten Fahrradreifen. Und kein wunderbarer Sonnenaufgang weit und breit. Das Bild mit den aufsteigenden Heißluftballons in der Morgensonne fand sie nicht vor.

Um diesen Unterschied zwischen Vorstellung und Realität eines Ortes auszuloten, muss ich direkt dort gewesen sein. Auch auf die Gefahr hin, dass ich enttäuscht werde. Es kann sein, dass meine Erwartungen höher sind als es der Ort einhalten kann. Jeder, der reist, hat solche Geschichten der Enttäuschung erlebt. Auch ich. Trotzdem reise ich weiter. Denn für jede miese Geschichte gibt es viele positive Geschichten. Und vor allem sind es meine Geschichten, die ich selbst vor Ort erlebt habe. Das Abenteuer wartet immer noch da draußen. Und die Begegnung mit anderen Menschen auf meiner Reise.

Diese erlebte Erfahrung kann das Foto, das ich zu Hause auf dem Smartphone betrachte, nicht ersetzen.

Oder doch? Was erfahre ich vor Ort?

Manchmal ist mir das “einfach vor Ort zu sein” zu wenig. Manchmal erfahre ich nichts über den Ort. Wie das in Thailand mit Rothemden und Gelbhemden aussieht, würde mich schon interessieren. Und was die Einheimischen vor Ort dazu sagen.

Aber ich werde selten in Gesprächen dazu verwickelt, wenn ich durch Thailand reise. Denn ich spreche kein Thai. Und daher bewege ich mich in einer englischsprachigen Filterblase. Ich bekomme die Einheimischen meistens als Servicepersonal auf der anderen Seite der Ladentheke zu sehen. Unterhaltungen über abstraktere Themen sind wegen der Sprachbarriere oft nicht möglich. Und so findet ein Großteil meiner Unterhaltungen mit anderen, westlichen Reisenden statt.

Wenn ich mehr über die Hintergründe des Reiseziels wissen möchte, bin ich mit einer Reportage als Einstieg gut bedient. Ich erfahre von meinem Sofa aus etwas über die Taucher in einem Stelzendorf auf Malaysia. Ich wußte bis vor wenigen Wochen nichts über die Sama Dilaut, eine Gruppe von Seenomaden in Borneo. Sie leben im Meerespark Tun Sakaran in Häusern, die auf Pfählen ins Meer gebaut sind. Und tauchen dort zwischen Korallen nach Fischen. In der ARTE Dokumentation Geheimnisse Asiens: Die schönsten Nationalparks. Malaysias Meeresparadies kann man am Alltag vor Ort teilhaben und taucht mit den Bewohnern unter Wasser auf der Suche nach Fischen.

Ich war noch nicht auf Borneo. Ich wusste bisher nichts über die Sama Dilaut. Jetzt möchte ich dort hin. Erst das zu Hause erfahrene Wissen hat mein Interesse geweckt. Die Erfahrung zu Hause ist nicht besser oder schlechter als die Erfahrung vor Ort. Nur anders. Sie gibt mir bestimmte Vorstellungen auf den Weg mit. Sie formt mein Interesse.

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Meine Vorstellungen reisen im Gepäck mit

Ich kann mit einem breiten, differenzierten Bild an den Ort reisen. Und dann vor Ort sehen, wie sich diese Vorstellungen erweitern und verändern. Die Voraussetzung dafür sind Offenheit und Neugier.

Es gibt allerdings neben den Vorstellungen von Orten auch etwas anderes: Vorurteile. Wenn ich bestimmte Meinungen über einen Ort, ein Land oder eine Personengruppe habe. Und wenn ich nicht mehr bereit bin, meine Meinung zu ändern: Indien ist Armut. Thailand ist Sandstrand. USA ist Trumpland. Wie ich an anderer Stelle über meine Autofahrt mit einem AfD-Wähler geschrieben habe: Reisen bildet nur dann, wenn ich dazu bereit bin meine Vorurteile aufzugeben.

Ich finde das folgende Zitat von Meike Winnemuth aus „Das große Los“ in dem Zusammenhang treffend. Sie spricht über das eigene Mindset beim Reisen. Das ist die Summe der Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensmuster:

“Reisen ist wie ein Rorschach-Test. Ich sehe das Bekannte im Unbekannten, weil ich gar nichts anderes sehen kann. Ich sehe, was meiner Wahrnehmungsfähigkeit entspricht und was ich sehen will, weil ich mir von Fremden eine Bestätigung oder eine Bereicherung meines Weltbilds verspreche. Aber wie du in die Welt hinein-schaust, schaut sie zurück.“

Reisen ist wie ein Spiegel. In ihm erkenne ich mich. Und meine Einstellungen. Wenn ich sehen möchte, dass alle Russen / Polen / Engländer / Australier immer betrunkene Partyurlauber sind, dann sehe ich genau das.

In der Sozialpsychologie wird das Phänomen als “Selektive Wahrnehmung” bezeichnet. Ich sehe das, was ich sehen will und blende alles aus, was meine vorgefasste Meinung widerlegen könnte.

Es ist meine Entscheidung, was ich sehen möchte. Ich kann mich genauso gut darauf einlassen, dass mein mitgebrachtes Bild nicht vollständig ist. Ich kann akzeptieren, dass sich mein Bild ständig verändert und weiterentwickelt.

Das Thailand, das ich zum ersten Mal bereise ist ein anderes Thailand als das, das ich zum fünften Mal bereise.

Manche Entwicklungen kann ich nicht sehen

Es gibt aber einen weiteren wichtigen Punkt, der dafür spricht sich gelegentlich die oben erwähnten ARTE Dokumentationen anzusehen. Oder ein Buch zu lesen. „Du musst dir Länder ansehen, das öffnet dir schlagartig die Augen!“ stimmt nur dann, wenn ich die Augen auch geöffnet bekommen möchte. Doch selbst wenn ich die Augen vor dem Leiden der Welt nicht verschließe heißt das nicht, dass ich die Realität auch erkennen kann. Viele globale Phänomene nicht direkt durch Beobachtung erfahrbar.

Sondern nur in Statistiken zu sehen. Menschen sind nicht sonderlich gut darin langsame, globale Entwicklungen wahrzunehmen. Der Klimawandel ist ein gutes Beispiel dafür. Ich kann zwar in die Arktis fahren. Aber ohne Vorwissen werde ich dort nur Eismassen sehen. Ich sehe keine Zusammenhänge. Und schon gar nicht, dass in den letzten Jahrzehnten ein Wandel stattgefunden hat.

Ein anderes Beispiel ist die Veränderung von Armut weltweit. Vor Ort sehe ich das konkrete Leiden. Ob es aber in absoluten Zahlen zunimmt oder ich die Ausnahme sehe, kann ich so nicht beurteilen.

Auf die Armut in Entwicklungsländern bezogen gibt es Grund zur Hoffnung: die Zahl der Menschen die in extremer Armut leben ist zwischen 1990 um 2015 um die Hälfte zurückgegangen von 1,9 Milliarden auf 836 Millionen. Über diese Fakten aus dem UN-Millenniumsbericht erfahre ich nichts, wenn ich nicht die Augen öffne. Und mich informiere.

Ich kann anfangen, mich für die Veränderungen in der Welt zu interessieren. Indem ich das eigene Interesse ständig erweitere. Ich kann mein Interesse über das hinaus lenken, was nur mich selbst betrifft. Und in mein Interesse auch die Welt mit einbeziehen.

Einer der letzten Universalgelehrten, Alexander von Humboldt, verstand Wissen nicht als Besitz, den der Einzelne anhäuft. Sondern als dynamischen Austausch in einer Gemeinschaft. Wissen nicht als Geldspeicher, sondern als Begegnung. Reisen bildet dann, wenn es als gelebte und geteilte Aufklärung praktiziert wird. Wenn ich nicht nur mich selbst bilden will, sondern alle anderen mit einbeziehe.

Mit dem Wissen verhält es sich wie mit dem Glück: es ist am besten, wenn es geteilt wird. 

Epilog

Ich habe in diesem Artikel eine bestimmte Art von Reisen beschrieben. Nämlich individuelles Reisen. Mit dem Vorsatz andere Länder und ihre Bewohner kennenzulernen. Reisen bildet dann, wenn ich mir Zeit für Erfahrungen nehme. Wie Dan Kieran in “Slow Travel” schreibt:

“Beim langsamen Reisen geht es nicht um Eile und Distanzen – es geht um Reflexion und Tiefe.“

Und das vergessen wir häufig. Wenn wir durch die Länder hetzen. Und dabei selbst nicht wissen, was wir eigentlich suchen. Die Idee vom langsamen Reisen kann uns daran erinnern, dass es beim Reisen auch um Innehalten und um Kontemplation geht. Und um das Nachdenken. Darüber, wie sich “Ich” und “Welt” zueinander verhalten. Und diese Fragen hat jeder von uns im Gepäck mit dabei. Auch wenn ich nur einen flüchtigen Moment darüber nachdenke.

Es muss nicht die große Forschungsreise sein. Es genügt die die Bereitschaft, den eigenen Horizont offen zu halten.

Was ist dein schönster Aha-Moment beim Reisen? In welcher Situation hast du Vorurteile verloren?

2 Replies to “Wie Reisen bildet – wenn du es zulässt”

  1. Hey Chris,
    ein sehr schön geschriebener Artikel. Mein aktuell größter Moment beim reisen war in Guatemala. Davor war ich eher in westlich geprägten Ländern unterwegs oder halt auf den Touristenpfaden in Asien. In Guatemala habe ich viele Kinder beim verkaufen von Zigaretten, Süßigkeiten oder Souvenirs gesehen. Als ich dann Abends an den gleichen Orten vorbei gelaufen bin, haben ich diese dort mit ihren Familien am schlafen gesehen. Irgendwo auf dem Marktplatz oder in irgendwelchen Gassen. Irgenwie war mir sowas bereits vor meiner Reise klar, aber vor Ort hat mich das Ganze dann doch irgendwie geschockt.

    1. Hi Julian! Danke für den Beitrag! Bei mir waren es die Kinden in Laos. Ein achtjähriges Mädchen, das alleine die Bar schmiss und Lao-Lao Cocktails servierte. Niemand Erwachsenes vor Ort. Und sie so am Alkohol ausschenken. Es berührt einen, wenn man Lebensverhältnisse in ärmeren Ländern direkt miterlebt.

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