Santa Clara. Zeit um über den kubanischen Sozialismus nachzudenken.

Santa Clara gilt als die Stadt Che Guevaras. Hier siegte die Revolution in Kuba, als Che mit einem Bulldozer einen Zug der Armee Batistas zum Entgleisen brachte. Dieser Geschichte der Revolution und ihrem Hauptprotagonisten sind in Santa Clara gleich mehrere Denkmäler gewidmet.

Wir fahren mit einem Taxi Collectivo von Cienfuegos nach Santa Clara. Die Regenzeit beginnt dieses Jahr früh und es prasselt auf dem Weg. Vorbei an Farmen geht es durch Kuba. Der Fahrer greift während der Fahrt nach hinten und kurbelt mit einem Schraubenschlüssel das Fenster hoch. Die Fensterkurbel fehlt auf meiner Seite. Und mit den für Touristen auf Hochglanz polierten Oldtimern in Havanna hat dieser „Yank-Tank“ auch sehr wenig gemeinsam.

Die Sehenswürdigkeiten in Santa Clara lassen sich an einem Tag abklappern. Viel mehr Zeit haben wir auch nicht, da wir einen Viazul-Bus nach Holguin erreichen müssen. Was schade ist, denn die Stadt hat mehr zu bieten. Sie ist Universitätsstadt und dadurch gibt es ein ziemlich aktives Nachtleben. Die Straßen sind am Wochenende vollgepackt mit Nachtschwärmern.

Am zentralen Platz Parque Vidal gibt es abends Livemusik. Ein Blasorchester spielt im Pavillion in der Mitte. Erst die kubanische Nationalhymne und dann tanzbare Musik. Ein Rentner im Hawaii-Hemd legt ein paar Tanzschritte vor. Und die Musik erinnert wenig an Buena Vista Social Club, sondern mehr an klassische Musik. Die musikalische Landschaft in Kuba ist deutlich facettenreicher als Buena Vista. Zumal jede Stadt ihre eigenen musikalischen Traditionen hat. Es ist wunderbar diese Vielfalt zu erleben. Und diese Form von gelebter Musikkultur, wo am zentralen Platz in der Stadt abends Konzerte gegeben werden.

Ansonsten ist Santa Clara die erste Stadt, in der wir das kulinarische Kuba abseits der Touristenrestaurants erkunden und in Peso-Restaurants essen. Denn so recht überzeugen kann uns vor Ort keines der Touri-Restaurants und daher gibt es zur Abwechslung das kubanische Nationalgericht: Pizza. Die Rechnung ist auf einmal nur noch 1/4 so hoch. Und das Essen oft genau so gut wie in den teuren Restaurants.

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Die Che Guevara Monumente in Santa Clara

Conjunto Escultórico Comandante Ernesto Che Guevara. Das Hauptmonument für den Comandante liegt 2km außerhalb der Stadt. Für kubanische Verhältnisse ist das Denkmal groß. Touristenbusse fahren vor. Unter dem Denkmal gibt es eine kleine Ausstellung und ein Mausoleum. Die Ausstellung erzählt die Lebensgeschichte von Che chronologisch nach und mit vielen Gebrauchsgegenständen aus dem Leben des Comandante. Die Ausstellung ist persönlich gehalten und bildet erzählerisch einen Gegensatz zur riesigen Statue oberhalb.

Hier am Monument bekommst du beides. Che als überlebensgroße Statue und gleichzeitig auch den Menschen. Ich entscheide mich für letztere Version.

Und dazu passen die Worte von Juan Martín Guevara, seinem Bruder:

„Das ganze dumme Gerede läuft einzig darauf hinaus, Che zum Mythos zu machen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diesen Mythos zu zerstören und meinem Bruder wieder ein menschliches Antlitz zu geben.[…] Man muss ihn von diesem Podest herunterholen, muss diese zur Bronzestatue erstarrte Figur wieder mit Leben füllen, damit seine Botschaft lebendig bleibt. Che hätte darauf gespuckt, zum Idol zu werden.“

Monumento a la Toma del Tren Blindado. Für 1 Cuc kann man hier den Bulldozer und einige Güterwagons ansehen, die Che zum Entgleisen brachte. Eine kleine Ausstellung zeigt historische Artefakte.

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Wir sitzen nach dem Besuch des Bulldozer-Monuments auf dem Rückweg auf einem Kinderspielplatz herum. Der Rahmen der metallenen Hollywoodschaukel ist gebrochen, zu hoch sollte man damit besser nicht schaukeln. Ein paar Hühner picken neben uns im Gras. Und eine Gruppe von Kids im frühen Teenie-Alter möchte mit uns Kontakt aufnehmen. Wo wir so herkommen. Was wir so machen.

Dass Emily wie Taylor Swift aussehen würde (jetzt haben wir es amtlich!). Und einer erzählt, dass er aus dem Land weg will und es nicht mag. Warum, bleibt offen. Für Fragen zu abstrakten Sachverhalten reicht mein Spanisch nicht aus.

Als Besucher ist es eine interessante aber vor allem temporäre Urlaubserfahrung sich ein Land mit klappernden Autos und Internet wie damals 1999 mit 56k-Modem anzusehen. Als Bewohner ist die Vorstellung furchtbar. Gerade für Kids, die über Popkultur genau mitbekommen, wie Leute im Westen leben.

Estatua Che y Niño. Das „Che mit Kind“ Denkmal hätte es in den Ostblock-Staaten niemals gegeben. Es ist ein surrealistisches Kunstwerk, das mit seiner verspielten Formsprache verzaubert. Che als lebensgroße, menschliche Figur, aus dem kleine Statuen herauswachsen. Das hätte der sozialistische Realismus im Ostblock niemals als Formsprache zugelassen, wo Lew Kerbel der Ernsthaftigkeit und Ehrfurcht huldigte. Kuba ist anders.

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Ein paar weiterführende Gedanken zu Kuba und der Politik

Sozialismus in Kuba war immer anders als im Ostblock. Mit Che Guevara hat der Sozialismus sicher nicht den schlechtesten Vorkämpfer gehabt. Che ist ziemlich weit weg von Stalin, Mao – oder Honecker. Er selbst hatte zu Lebzeiten die Sowjetunion kritisiert.

Ob er mit der weiteren Entwicklung Kubas einverstanden gewesen wäre? Wie hätte sich Kuba wohl entwickelt, wäre Che nicht nach Bolivien gegangen? Was würde Che wohl zum heutigen Kuba sagen?

Das Staatssystem in Kuba wirkt heute wie ein Dinosaurier. Denn kaum einer der ehemals sozialistischen Staaten will noch etwas vom Sozialismus wissen. Die VR China hat sich für einen autoritär strukturierten Hyperkapitalismus entschieden, Vietnam eifert dem chinesischen Vorbild nach.

Nur Kuba hält noch im Jahr 59 nach der Revolution (die Parteizeitungen zählen jeden Tag mit) am „socialismo“ fest. Wir holen uns regelmäßig die Parteizeitungen Granma und Juventud Rebelde. Nur steht dort eigentlich nichts drin. Die Zeitungen hier sollen nicht informieren. Sondern Leute in Tiefschlaf versetzen. Wir lesen Berichte über ein Treffen von Fidel Castro mit Hugo Chavez – das 1994 stattgefunden hat.

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Und mir kommen auch Zweifel an der Reformfähigkeit des Systems wenn ich die Berichterstatttung der Parteizeitungen zu Venezuela lese. Venezuela taumelt unter Präsident Madura gerade in den Staatskollaps begleitet von gewalttätigen Protesten mit Toten. Aber Kuba hält die Hoffnung auf den karibischen Sozialismus hoch und in Granma stehen glühende Texte zur Verteidigung der „bolivarischen Revolution“. Vielleicht ist das auch der Griff nach dem Strohhalm, denn Kuba ist nach wie vor von Erdölimporten aus Venezuela abhängig. Auch wenn inzwischen Eigenförderungen und andere Staaten einspringen sollen. Benzinknappheit gibt es bis heute und auch wir hören von der Knappheit während unseres Aufenthalts.

Was wirklich in dem Land passiert – darüber erfährt man in den kubanischen Zeitungen wenig. Dafür aber, wie die kommunistische Partei hier tickt. Nämlich komplett ohne Bezug auf Marx, Engels und Lenin, deren Namen kein einziges Mal vorkommen. Dafür viel Kult um Fidel. Und Berichte über Agrarthemen und Gesundheit. Etwa Impfungen, zu denen zentral aufgerufen wird. Womit wir bei dem Punkt sind, in dem Kuba nicht nur die USA sondern alle Nachbarstaaten weit hinter sich lässt: dem Gesundheitssystem. Hohe Lebenserwartung, niedrige Kindersterblichkeitsrate, hohe Impfabdeckung. Quelle. Und mit 6 Ärzten pro 1000 Einwohnern die weltweit beste Arzt-Patienten-Ratio. Kuba in einem Satz erklärt: ein Land, in dem die Medizin als hohe zivilisatorische Errungenschaft erachtet wird.

Man kann darüber streiten, ob die Zustände in Kuba auf das Konto von Fidel Castro gehen oder dem Wirtschaftsembargo der USA geschuldet sind. Je nach politischer Ausrichtung wird man hier andere Antworten erhalten. Nur ist Politik in Kuba komplexer, als man es erwartet. Etwa anhand der Biographie des kubanischen Musikers Pablo Milanés. Er wurde als Revolutionsfeind in den 1960er Jahren interniert, aber bekennt sich bis heute zur sozialistischen Idee. Was ihn nicht davon abhält, Kritiker des Systems zu unterstützen. Wir sehen ihn jedenfalls später in Gibara auf dem Internationalen Filmfestival live auf der Bühne.

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Offiziell wird in Kuba die Idee des Sozialismus noch hochgehalten. Dabei wurden schon längst viele Elemente der Marktwirtschaft eingeführt. Kubaner können inzwischen bestimmten selbstständigen Tätigkeiten nachgehen („cuenta propia“) und Casa Particulares sind ein Beispiel dafür. Es bleibt den Kubanern zu wünschen, dass ihnen bald mehr Möglichkeiten offen stehen an harte Devisen zu kommen. Ein Arzt verdient offiziell den Einheitslohn von umgerechnet 25 Euro pro Monat. Zur Relation: Ein Taxifahrer bekommt für die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Havanna 25 Euro. Und die Lebenshaltungskosten in Kuba sind abgesehen von Basisgütern nicht billig. Wobei „nicht billig“ stark untertrieben ist. Ein Neuwagen in Havanna kostet zwischen 41.000 Euro für einen Kia Rio bis zu über 200.000 für einen Peugeot. Bei 25 CUC monatlichem Lohn.

Mit dem staatlichen Lohn ist das in diesem Leben nicht finanzierbar. Und genau das hatten wir auch von Kubanern gehört: Güter wie Autos sind zwar erhältlich aber für die meisten Kubaner nicht erschwinglich.

Was also tun? Tourismus ist derzeit wahrscheinlich die lukrativste und naheliegendste Möglichkeit Geld zu verdienen. Wir dürfen jedenfalls alle gespannt sein, wie die Gelder des Tourismus Kuba verändern. In Städten wie Berlin oder San Francisco sind Vermietungen über Airbnb hochgradig umstritten. In diesen Städten wird vermutet, dass diese privaten Vermietungen zu einer Verknappung von Wohnraum und zu einer Verteuerung der Mieten führen. Hier in Kuba sind Airbnb-Vermietungen dagegen ein Segen. Weil hier die eigene Wohnung als eine der wenigen Ressourcen genutzt werden kann. Und die vergleichsweise hohen Einnahmen durch Vermietungen direkt an die Kubaner fließen.

Das ist auch gut so, denn Kuba hat ein Problem mit der Überalterung der Gesellschaft. Und kubanische Rentner müssen mit 25 CUC Rente auskommen. Wir selbst waren in etlichen Casas älterer Kubanerinnen, die sich ihre Rente durch die Zimmervermietung aufgebessert haben.

Gerade durch die Homestays in den Casas Particulares bekommt man einen Eindruck davon, wie Kubaner leben.

Wie dem auch sei: am besten sieht man sich Kuba selbst bei passender Gelegenheit an.

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